Amtlicher Inhalt

Geschaeft
26.3609
Typ
Interpellation
Status
Eingereicht

Vorstosstext

Mit der Erschliessung der Schöllenen im Mittelalter, durch den Bau der Teufelsbrücke, wurde der Gotthardpass erstmals durchgehend begeh- und befahrbar. Göschenen entwickelte sich dadurch zu einem strategisch bedeutenden Zugangsort und Umschlagplatz am nördlichen Eingang dieser zentralen Transitachse. Über Jahrhunderte hinweg prägten Saumverkehr, später Postkutschenverbindungen und schliesslich die grossen Infrastrukturwerke der Moderne – Gotthardbahn, Nationalstrasse und Strassentunnel – Göschenen und seine Umgebung nachhaltig.

Heute wird dieses einzigartige Zusammenspiel von Geschichte, Landschaft und Verkehr im Strassen- und Siedlungsraum jedoch gestalterisch nur ungenügend in Wert gesetzt. Den Eingangsportalen fehlt erkennbarer gestalterischer Wille, der sagenhafte Teufelsstein wirkt verloren, und die Übergänge zwischen Infrastruktur und Siedlungsraum erscheinen teilweise zufällig und fragmentiert. Der Raum präsentiert sich dadurch eher als Restfläche des Verkehrs denn als bewusst gestalteter Ort.

Kaum ein anderer Ort in der Schweiz verdichtet die Epochen der Verkehrsentwicklung so eindrücklich auf engstem Raum: von historischen Weganlagen über ingenieurtechnische Meisterwerke bis hin zu heutigen Transitachsen von nationaler und internationaler Bedeutung. Die Schöllenen mit ihren markanten Felswänden und der dramatischen Linienführung ist dabei nicht nur Verkehrsweg, sondern auch ein Kultur- und Landschaftsraum von aussergewöhnlicher Prägung.

Diese besondere Qualität betrifft nicht nur den Zugang ins Urserntal, sondern ebenso das Dorf Göschenen selbst. Es ist über Generationen hinweg vom Transit geprägt worden und zugleich mit dessen räumlichen und funktionalen Auswirkungen umgegangen – und hat sich dabei stets als eigenständiger Ort behauptet.

Gerade hier liegt eine Chance: Mit einer sorgfältigen Planung kann dieser Raum nicht nur funktional weiterentwickelt, sondern als identitätsstiftender Verkehrs- und Kulturlandschaftsraum sichtbar gemacht werden – als Ausdruck einer bewussten und qualitätsvollen Planung des Bundes.

Die besondere Situation Göschenens als Tor zum Urserntal und als Scharnier zwischen Alpenraum und Unterland soll dabei umfassend berücksichtigt werden. Sie eröffnet auch Potenziale für ergänzende Nutzungen im Bereich Tourismus und Hotellerie und kann von der weiteren Entwicklung des Urserntals sowie der Verkehrsdrehscheibe profitieren.

Die neue Verkehrsdrehscheibe mit dem bestehenden Bahnhofareal liegt zudem abseits des Dorfkerns. Dies erfordert besondere Anstrengungen, um funktionale und räumliche Verbindungen zwischen Bahnhof und Dorf zu stärken und die verschiedenen Raumteile besser miteinander zu verknüpfen.

Die Stärkung der Identität des Ortes durch gezielte, sorgfältige und zurückhaltende Interventionen ist dabei zentral. Insbesondere den Eingangssituationen der Dörfer sowie den Siedlungsrändern ist besondere Beachtung zu schenken.

Mit den aktuellen und geplanten Infrastrukturvorhaben des Bundes – insbesondere im Zusammenhang mit der zweiten Röhre des Gotthard-Strassentunnels sowie weiteren Anpassungen im Strassenraum – werden wichtige Voraussetzungen für die zukünftige Verkehrsentwicklung geschaffen. Diese Projekte sind von grosser Bedeutung und sollen nicht verzögert werden. Gleichzeitig eröffnet sich die Chance, sowohl Göschenen als auch den Übergang in die Schöllenen und ins Urserntal als zusammenhängenden Raum mit hoher gestalterischer Qualität und klarer Identität weiterzuentwickeln.


 

Vor diesem Hintergrund wird der Bundesrat gebeten, folgende Fragen zu beantworten:

1. Ganzheitliche Betrachtung von Verkehrs- und Siedlungsraum
Wie stellt der Bundesrat sicher, dass bei der Umsetzung der laufenden Infrastrukturprojekte im Raum Göschenen sowohl die Qualität des Dorfes als Lebensraum als auch die landschaftliche und historische Bedeutung des Verkehrsraums angemessen berücksichtigt werden?

2. Testplanung als ergänzendes Instrument
Ist der Bundesrat bereit zu prüfen, ob eine ergebnisoffene Testplanung (gemeinsam mit dem Kanton Uri und der Gemeinde Göschenen) für den Raum Göschenen–Schöllenen inklusive der Tunnelportale als ergänzendes Instrument eingesetzt werden kann, ohne den Fortschritt der laufenden Projekte zu behindern?

3. Mitwirkung und Mitfinanzierung des Bundes
Ist der Bundesrat bereit, sich im Rahmen seiner Zuständigkeit als Eigentümer der Nationalstrassen an weiterführenden planerischen und gestalterischen Prozessen zu beteiligen und diese auch finanziell zu unterstützen?

4. Verkehrlicher Kulturraum im Zuständigkeitsbereich des Bundes
Welche Möglichkeiten sieht der Bundesrat, im Rahmen seiner Zuständigkeit als Eigentümer der Nationalstrassen und im Zusammenspiel mit den laufenden Infrastrukturprojekten, den Raum Göschenen–Schöllenen als bedeutenden Verkehrs- und Kulturlandschaftsraum aufzuwerten und insbesondere die Schweizer Verkehrsgeschichte – insbesondere im Kontext von Gotthardstrasse, Gotthardbahn und den weiteren historischen Infrastrukturen – stärker räumlich sichtbar und erlebbar zu machen und damit die historische Bedeutung dieses Verkehrsraums weiterzuentwickeln?

Quelle: Parlament.ch Curia Vista, automatisch importiert.